Vorwort Katalog zur Ausstellung 1994

Katalog-Cover

VON ALEXANDER DEISENROTH

Es ist an der Zeit, ein bedeutendes malerisches Werk, das bisher nur wenigen bekannt ist, der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Bei einer Ausstellung Fuldaer Künstler vor einigen Jahren fielen mir besonders mehrere, ganz in Weiß gehaltene, quadratische Bilder auf. Her wurde Weiß zu einem Farberlebnis denkwürdiger Art.

Vor etwa zwei Jahren kam es zu einer persönlichen Begegnung mit dem „Künstler in Weiß“, als ich die Unfallpraxis von Dr. Karl-B. Ziegler aufsuchen musste. Für mich ist diese Begegnung aus heutiger Sicht kein Zufall mehr, sondern Fügung als Basis einer sich entwickelnden Freundschaft. Die Kunst ist verbindendes Element und anregender Gesprächsstoff geworden. Von Wochen zu Woche konnte ich in den Praxisräumen neue Malereien zu Gesicht bekommen. Freundlicherweise stellte mir Ziegler auch Arbeiten für die Wände meiner Galerie zur Verfügung, so dass ich Gelegenheit hatte, mich intensiv mit seinen Kreationen zu befassen, und mir meine Gedanken dazu machen konnte.

Einmal wurde ich von einem Besucher gefragt, wie es möglich sei, dass ich mich mit dieser Malerei überhaupt auseinander setzen könne, da sie nicht nach seinem Geschmack sei. Er war erstaunt, als ich ihm sagte, dies könne ich auch nicht beantworten, da es sich nicht um Kochkunst, sondern um bildende Kunst handele.

Mein Gast aber verstummt gänzlich, als ich den Dokumentationskasten des Künstlers mit über zweihundert farbigen Abbildungen vor ihn hinstellte, und er sich die Fotos über das bisherige Werk Karl-B. Zieglers ansehen durfte.

Ich kenne keinen Künstler, der über eine so lückenlose Kartei jahrelanger eigener arbeiten verfügt. Diese Unterlagen ermöglichten es mir, seine Fähigkeiten und geniale Veranlagung und Vielseitigkeit so klar und eindeutig zu erkennen.

Wichtig für mich war zu sehen, mit welch unerhörtem Fleiß und welcher Besessenheit er sich in wenigen Jahren zu seiner künstlerischen Selbständigkeit katapultierte.

Wie kann ein Mensch als Arzt, der eine zeit- und arbeitsintensive Fachpraxis unterhält, die ihm verbleibende Zeit zu intensiver künstlerischer Gestaltung nutzen? Es geht dabei ja nicht nur um die Realisierung von Ideen, sondern auch um ein gerüttelt Maß an Maltechnik über Farbwerte in Bezug auf den Charakter.

Es ist ein ästhetisches Vergnügen, Ziegler saubere Malweise und seine Farbaufträge zu studieren.

Seine Thematik umfasst im Grunde alles, was ihm künstlerisch reizvoll erscheint, vom Porträt über die Landschaft, über das Figurative hin zu abstrakten Kompositionen.

Hier füge ich Albrecht Dürers Aussage eine: Die Kunst liegt in der Natur! Dies scheint des großen Alb rechts Vermächtnis zu sein, denn ganze Malergenerationen arbeiteten nach dieser Behauptung Dürers, übersahen dabei jedoch den entscheidenden Nebensatz: Wer sie herausreißt, d e r hat sie!

Diese Klarstellung Dürers möchte ich auch im besten Sinne für Karl-B. Zieglers Werk angewandt wissen. Auf der Suche nach sich selbst ist er auch hin und wieder auf Vorbildliches gestoßen, um die eigenen Themen und Ideen besser realisieren zu können.

Bereits in seiner frühen Phase der beginnenden sechziger Jahre sind deutlich avantgardistische Strömungen zu sehen, die nach einer längeren beruflich bedingten schöpferischen Pause, über eine naturalistisch-surrealistische Phase hinweg heute wieder in gleicher oder abgewandelter Form zu Tage treten. Somit hat der Künstler seinen Stil erneut gefunden und bekräftigt.

Seine Lieblingsfarbe Blau zieht sich wie ein Leitfaden durch zahlreiche Schaffensperioden.

Die Auswertung des Lüscher’schen Farbtests ergibt, dass Karl-B. Ziegler unter den „Blauwertigen“ mit einer Tendenz zum Grün einzuordnen ist.

Was Zieglers Arbeitsrhythmus betrifft, so sind nach meiner Auffassung die blauwertigen Abendstunden von besonderer Bedeutung, wobei seine nach grün tendierende Einstellung nach vorne strebt. Aus dieser Deutung geht hervor, dass seine ganz persönliche Wesensart keine aggressiven Anzeichen aufweist. Vielmehr dominiert das Aktive des Grüns.

In vielen Arbeiten erkennt man seinen Drang, hinter die Dinge schauen zu müssen, als hätte er stets sein Skalpell zur Hand. Sichtbarmachen ist für Karl-B. Ziegler von gleicher Bedeutung wie die Erkenntnisse eines Paul Klee, der das Nicht-Sichtbare herausstellen wollte.

Auf diesem Weg kam er zu seiner speziellen Malweise, von der er selbst sagt: „Ich glaube, ich habe eine Art weichen, runden, fließenden Kubismus gefunden, einen Gegensatz in sich, aber folgerichtige Fortführung früher Versuche der sechziger Jahre.“

Dieser Kubismus ist hier auf die künstlerische Raumaufteilung zu beziehen.

Eine Analyse der Elemente Farbe und Form in den Arbeiten Karl-B. Zieglers haben mich, wie ich glaube, das Spezifische seiner Gestaltungskunst erkennen lassen. Die großen Bildformate, die er benötigt, geben ihm den Spielraum für seine Intentionen. Er zeigt sich darin als Architekt einer weichen Linienführung, die den Betrachter in den Raum hineinzieht zu einer faszinierenden Entdeckungsreise.

Es gibt keine Ebene, auf der man sich bewegen könnte, aber auch keine Ruhepunkte der Entspannung. Die Art der Gestaltung ist dabei keineswegs ungegenständlich. Vieles ist reduziert oder abstrakt, wenn man es so nennen will, aber das Figürliche bleibt dominant. Der oft in tiefem Blau angesetzte Hintergrund erhöht die Wirkung des Sichtbarmachens.

Viele seiner Bilder sind nicht schön durch die Wesensart, sondern schön durch den Charakter. Ziegler ist kein Schönmaler. Er gibt seinen Bildern je nach Thema eine Spannung, die den Betrachter bindet.

In seinen Porträts reduziert er auf das Wesentliche, wobei ihm seine scharfe Beobachtungsgabe die Grundlage bietet. Die Farbwerte spielen eine wichtige Rolle bei der Deutung des Charakters. In seinen Darstellungen findet Karl-B. Ziegler auch das dazugehörige Ambiente.

Sicherlich ist bedeutende Kunstliteratur nicht an ihm vorbeigegangen und der Ausspruch des Phi-losophen Friedrich Nietzsche „Die Kunst ist eine zum Fanatismus verpflichtende Mission“ bei Karl-B. Ziegler hängengeblieben. Die obige Äußerung Nietzsches ist mir neben vielen anderen im Gedächtnis geblieben, als ich während eines 27monatigen Lazarettaufenthaltes im Karolingischen Krankenhaus in Stockholm mich intensivem Kunststudium widmen konnte. Meine besondere Aufmerksamkeit galt dabei Meinungsäußerungen und Zitaten über das Wesen der Kunst von der Romanik bis zur Gegenwart.

Die verschiedensten Auffassungen über den Kunstbegriff sind unzählig. Hier könnte man, um im Bilde zu bleiben, von einer vollbesetzten Palette sprechen, die sich auch weiterhin aus dem Geist der Zeit in verschiedenste Richtungen ausdehnt und neue Möglichkeiten und Erkenntnisse bringt.

Man könnte glauben, die Peripherie der Kunst habe sich bis an die Grenzen unserer Denk- und Empfindungsfähigkeit ausgedehnt und tue es auch weiterhin. Ein altgriechischer Wort trifft das Thema genau: Panta rhei – alles ist im Fluss.

Wie hoch ich Karl-B. Zieglers Entwicklung zu einem selbständigen Künstler mit eigenem Gestaltungsprofil auch einschätze, komme ich nicht an Wassiliy Kandisnkys Schrift aus dem Jahre 1911 vorbei: „Üb er das Geistige in der Kunst“. Man könnte Kandinsky, der dem in München gegründeten und etablierten „Blauen Reiter“ vorstand, als den Vater der nicht gegenständlichen Malerei bezeichnen. Sein Einfluss – und nicht nur in Deutschland – war immens, und die vermeintlichen Grenzen der Kunst wurden abgebaut.

Auch Karl-B. Zieglers Werk muss ich in diese Entwicklung einbeziehen. Es gelang ihm in seinen Arbeiten, die zunächst anhaftenden Eigenschaften der „-ismen“ dieses Jahrhunderts zu überwinden. Somit konnte sich seine Eigenart durchsetzen.

Alexander Deisenroth, 1993